Es gibt einen Unterschied zwischen einer Idee, die nicht funktioniert, und einer Idee, die sich unter den gegebenen Bedingungen nicht selbst finanzieren kann.
AM ADLER hat in den vergangenen zwei Jahren gezeigt, was auf einem Leipziger Grundstück entstehen kann, wenn man Menschen nicht zuerst fragt, was sie mitbringen, sondern was sie gemeinsam möglich machen wollen.
Aus einem Ort, an dem früher Autos standen, wurde ein offener Raum für Nachbarschaft, Begegnung, Kultur und gemeinsames Handeln. Ein Ort, an dem man nichts kaufen musste, um willkommen zu sein. An dem Menschen zusammenkamen, die sich andernfalls vielleicht nie begegnet wären. An dem gekocht, gebaut, musiziert, gestaltet, diskutiert und geholfen wurde.
AM ADLER war nie nur ein Grundstück. Es war ein Versuch, eine einfache Frage praktisch zu beantworten: Was passiert, wenn wir einen Ort nicht ausschließlich danach beurteilen, was er wirtschaftlich abwirft, sondern auch danach, was er für die Menschen hervorbringt, die ihn nutzen?
Die Antwort lässt sich nicht allein in einer Bilanz ablesen.
Und sie wäre ohne viele Menschen nicht möglich gewesen.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle Danke sagen. Den Nachbarn, die sich auf das Experiment eingelassen haben, die vorbeigeschaut, mitgemacht, mitgedacht, geholfen und manchmal auch kritisch nachgefragt haben. Den Menschen, die einfach da waren, ohne dass sie dafür einen besonderen Grund gebraucht hätten. Allen, die beim Aufbauen, Aufräumen, Kochen, Gestalten und Organisieren angepackt haben. Denjenigen, die Material, Werkzeug, Lebensmittel, Zeit, Wissen oder Geld beigesteuert haben. Und all jenen, die das Projekt weitergetragen haben, indem sie davon erzählt, andere Menschen mitgebracht oder AM ADLER auf ihre eigene Weise unterstützt haben.
Mein Dank gilt ebenso den Partnern und Unternehmen, die das Vorhaben mit konkreter Unterstützung ermöglicht haben. Jeder Beitrag, jede zur Verfügung gestellte Ressource und jede Form von Vertrauen hat geholfen, aus einer Idee einen realen Ort zu machen. Nicht alles davon war groß oder öffentlich sichtbar. Aber vieles davon war entscheidend.
Danke auch an diejenigen, die AM ADLER kritisch begleitet haben. Ein offener Ort mitten in einer Stadt kann nicht allen Vorstellungen gleichzeitig entsprechen. Wo Menschen zusammenkommen, entstehen unterschiedliche Erwartungen, Reibungen und gelegentlich auch Konflikte. Nicht jede Entscheidung war richtig, nicht jeder Versuch erfolgreich. Aber auch daraus haben wir gelernt.
Ich möchte AM ADLER nicht im Nachhinein größer machen, als es war. Aber ich möchte auch nicht kleiner reden, was hier gemeinsam entstanden ist.
Inzwischen gibt es ein Buch über dieses Experiment. Es wurde wissenschaftlich untersucht, öffentlich wahrgenommen und von Menschen mit Leben gefüllt, die aus einer Idee ein Stück gemeinsamer Wirklichkeit gemacht haben. Das alles ist nicht nichts. Und es verschwindet auch nicht dadurch, dass ein Mietvertrag endet.
Trotzdem müssen wir ehrlich sein.
AM ADLER hat sich in seiner bisherigen Form wirtschaftlich nicht selbst getragen. Die laufenden Einnahmen reichten nicht aus, um die betrieblichen Kosten zuverlässig zu decken. Es entstanden keine ausreichenden Rücklagen für Investitionen, Weiterentwicklung oder die Finanzierung einer regulären Stelle. Ein Projekt, das dauerhaft auf persönlichem Einsatz und dem Auffangen finanzieller Lücken beruht, ist kein tragfähiges Geschäftsmodell.
Es wäre falsch, das schönzureden. Und es wäre ebenso falsch, aus dieser Erfahrung zu schließen, dass die Idee dahinter wertlos sei.
Deshalb endet AM ADLER in seiner bisherigen Form zum 31. Oktober 2026.
Was danach kommt, ist offen.
Ich werde nicht so tun, als gäbe es bereits einen fertigen Plan, einen gesicherten Standort oder eine Finanzierung für die nächste Phase. Das wäre nicht ehrlich. Aber ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, dass mit dem Ende des laufenden Betriebs alles erledigt wäre.
Denn die entscheidende Frage ist längst größer als die Frage, ob sich ein einzelner Betreiber ein bestimmtes Grundstück leisten kann.
Wie lassen sich offene Begegnungsorte langfristig finanzieren, ohne ihren offenen Charakter zu verlieren? Wie können soziale Wirkung, kulturelle Nutzung, städtebauliche Entwicklung und wirtschaftliche Tragfähigkeit zusammengedacht werden? Und was wäre möglich, wenn ein solches Projekt von Anfang an mit den Mitteln, den Flächen und den Partnerschaften ausgestattet würde, die es braucht, um nicht nur zu entstehen, sondern auch zu bestehen?
Das sind keine Fragen, die ich allein beantworten kann.
Ich bin Initiator dieses Projekts. Ich habe Menschen zusammengebracht, Ideen entwickelt, Veranstaltungen ermöglicht, Öffentlichkeit geschaffen und versucht, aus begrenzten Mitteln etwas zu machen, das über den eigenen Alltag hinaus Bedeutung gewinnt. Ich weiß inzwischen ziemlich genau, was auf einem solchen Grundstück funktionieren kann. Ich weiß aber auch, wo die Grenzen eines Modells liegen, das zu viel Verantwortung auf zu wenige Schultern verteilt.
Was mir fehlt, ist nicht die nächste Idee.
Was fehlt, sind die Voraussetzungen, unter denen aus einer Idee eine dauerhaft tragfähige Institution werden kann.
Dazu gehören Kapital, eine langfristige Perspektive, geeignete Flächen, professionelle Strukturen und Partner, die wirtschaftliche Verantwortung übernehmen können und wollen. Vielleicht braucht es dafür eine andere Gesellschaftsform, eine andere Trägerschaft, einen neuen Standort oder eine Verbindung aus gewerblicher Nutzung und gemeinwohlorientierten Angeboten. Vielleicht muss AM ADLER in einer Form weiterleben, die heute noch gar nicht existiert.
Ich bin offen, darüber zu sprechen. Nicht um jeden Preis und nicht um jeden einzelnen Zaun zu retten. Sondern um herauszufinden, ob aus den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre etwas entstehen kann, das größer ist als sein bisheriger Rahmen.
Dabei geht es mir nicht darum, das Vergangene unverändert zu konservieren. Es geht darum, das Bewährte mitzunehmen, aus den Fehlern zu lernen und neue Voraussetzungen zu schaffen. Wenn AM ADLER eine Zukunft hat, dann nicht, weil wir so tun, als sei alles richtig gelaufen. Sondern weil wir ernst nehmen, was funktioniert hat, und bereit sind, das zu verändern, was nicht funktioniert hat.
AM ADLER hat gezeigt, was Menschen mit einem Ort anfangen können, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Jetzt wäre zu klären, was möglich wird, wenn man diesem Gedanken auch wirtschaftlich eine echte Grundlage verschafft.
Vielleicht bleibt am Ende ein Buch, eine Dokumentation und die Erinnerung an zwei ungewöhnliche Jahre in Leipzig.
Vielleicht entsteht daraus etwas Neues.
Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass ich die Idee nicht für gescheitert halte, nur weil ihre bisherige Finanzierung nicht funktioniert hat.
Wer sich mit dieser Frage ernsthaft beschäftigen möchte, wer über geeignete Grundstücke, langfristige Finanzierung, unternehmerische Erfahrung oder eine Vorstellung davon verfügt, wie sich gesellschaftlicher Nutzen und wirtschaftliche Tragfähigkeit verbinden lassen, kann sich bei mir melden.
Nicht für ein unverbindliches Gespräch über schöne Ideen. Sondern für die Prüfung, ob sich aus dem, was wir gelernt haben, ein belastbares nächstes Kapitel entwickeln lässt.
An alle, die AM ADLER in den vergangenen zwei Jahren begleitet, unterstützt, ermöglicht, hinterfragt oder einfach besucht haben: Danke, dass ihr diesen Ort zu mehr gemacht habt als zu einem Grundstück mit einem Zaun. Was hier entstanden ist, gehört nicht allein mir. Es ist auch das Ergebnis eurer Zeit, eurer Ideen, eurer Hilfe und eurer Bereitschaft, euch auf etwas einzulassen, dessen Ausgang niemand garantieren konnte.
Dafür bin ich dankbar.
AM ADLER war ein Versuch.
Vielleicht war es auch der Anfang von etwas, für das bisher lediglich die richtigen Voraussetzungen gefehlt haben.
Johannes Strom
Initiator und Sprecher für Öffentlichkeitsarbeit
AM ADLER, Leipzig


